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Gefahr aus dem Joghurtbecher: Wie Mikro- und Nanoplastik unsere Darmgesundheit bedrohen

Ein leerer Joghurtbecher, in dem ein Löffel ist, aus der Vogelperspektive. (c) AdobeStock

In einer Welt, in der Kunststoff allgegenwärtig ist, stellt sich zunehmend die Frage: Was macht die unsichtbare Flut aus Plastikpartikeln mit unserem Körper? Eine neue Studie aus Wien liefert nun alarmierende Antworten. Forscherinnen und Forscher konnten zeigen, dass Mikro- und Nanoplastik [MNP] nicht nur passiv unseren Verdauungstrakt passiert, sondern aktiv Entzündungsprozesse im Darm verstärken und das empfindliche Mikrobiom aus dem Gleichgewicht bringen kann. Besonders für Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen [CED] wie Colitis ulcerosa sind diese Erkenntnisse von höchster Relevanz.


Die unsichtbare Belastung: Mikro- und Nanoplastik im Alltag

Wir atmen es ein, wir trinken es und wir essen es. Mikroplastik [Partikel unter 5 mm] und Nanoplastik [Partikel unter 0,001 mm] entstehen durch den Abrieb von Alltagsgegenständen oder werden bewusst in Produkten eingesetzt. Ein Team unter der Leitung der Medizinischen Universität Wien und der Universität Wien konzentrierte sich in einer aktuellen Untersuchung auf Polystyrol.

Dieser Kunststoff begegnet uns täglich: Er steckt in Joghurtbechern, Fleischschalen und Take-away-Boxen. Die Studie, veröffentlicht im Fachmagazin „Microplastics and Nanoplastics“, untersuchte an einem Mausmodell, wie diese Partikel mit dem Darm interagieren – insbesondere unter den Bedingungen einer bestehenden Colitis ulcerosa.

Infobox: Was ist eigentlich Polystyrol?

Polystyrol [PS] ist einer der weltweit am häufigsten verwendeten Kunststoffe. Im Alltag begegnet er uns oft in zwei Formen: als harter Thermoplast für Joghurtbecher, Lebensmittelverpackungen und Einweggeschirr oder als Schaumstoff [bekannt unter dem Markennamen Styropor]. Da Polystyrol spröde ist, entstehen durch mechanische Belastung oder Hitze leicht kleinste Abriebe – das sogenannte Mikro- und Nanoplastik –, die über die Nahrung in unseren Körper gelangen können.

Der Teufelskreis: Entzündung und Plastikaufnahme

Die Ergebnisse der Wiener Forscher•innen zeichnen ein besorgniserregendes Bild einer Wechselwirkung. Es wurde festgestellt, dass die Aufnahme von Plastikpartikeln durch die Darmschleimhaut signifikant ansteigt, wenn bereits eine Entzündung vorliegt.

Dies schafft einen gefährlichen Teufelskreis:

  1. Erhöhte Durchlässigkeit
    Ein entzündeter Darm [wie bei Colitis ulcerosa] weist eine geschwächte Barrierefunktion auf [„Leaky Gut“]. Dadurch können mehr MNP-Partikel in das Gewebe eindringen.
  2. Immunaktivierung
    Einmal im Gewebe, triggern die Partikel sogenannte Makrophagen [Fresszellen des Immunsystems]. Diese schalten in einen proinflammatorischen Modus um und befeuern die Entzündung weiter.
  3. Verstärkung der Symptome
    Die durch Plastik zusätzlich angeheizte Immunantwort verschlimmert den Krankheitsverlauf der Colitis ulcerosa.

Infobox: Makrophagen – Die „Müllabfuhr“ des Körpers

Makrophagen [griechisch für „Großfresser“] sind spezialisierte Zellen des Immunsystems. Ihre Hauptaufgabe ist es, Krankheitserreger, tote Zellen und Fremdstoffe aufzuspüren und zu verdauen. Im Darm spielen sie eine entscheidende Rolle bei der Immunabwehr. Die aktuelle Studie zeigt jedoch: Wenn Makrophagen Nanoplastik „fressen“, können sie in einen proinflammatorischen Zustand geraten. Statt die Entzündung zu heilen, senden sie dann Botenstoffe aus, die die Entzündung im Darm weiter anheizen.

Das Mikrobiom unter Beschuss

Ein zentraler Aspekt der Darmgesundheit ist das Mikrobiom – die Gesamtheit aller Bakterien in unserem Darm. Die Studie zeigt, dass die Belastung durch MNP zu einer massiven Veränderung dieser Bakteriengemeinschaft führt.

Die Forscher•innen beobachteten einen Rückgang nützlicher Bakterienarten, die für die Darmbarriere und die Immunregulation wichtig sind. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg potenziell gesundheitsschädlicher und entzündungsfördernder Bakterien. Diese Dysbiose [Ungleichgewicht der Darmflora] gilt als einer der Hauptfaktoren für viele moderne Zivilisationskrankheiten und beschleunigt Alterungsprozesse im Körper.

Über den Darm hinaus: Systemische Gefahren durch Nanoplastik

Besonders kritisch bewerten die Studienleiter Lukas Kenner [MedUni Wien] und Verena Pichler [Universität Wien] die Rolle der winzigen Nanoplastikpartikel [kleiner als 0,0003 Millimeter]. Aufgrund ihrer geringen Größe sind sie in der Lage, biologische Barrieren zu überwinden, die für größere Partikel unpassierbar sind.

Die Studie belegt, dass sich MNP unter entzündlichen Bedingungen nicht nur im Darm anreichert. Die Partikel wurden auch in folgenden Bereichen nachgewiesen:

Dies deutet darauf hin, dass die Auswirkungen von Plastikverschmutzung weit über lokale Darmbeschwerden hinausgehen und systemische Gesundheitsprobleme verursachen können.

Warum das Thema so wichtig ist

Auf alterneudenken.com beschäftigen wir uns mit Strategien für ein langes, gesundes Leben. Chronische Entzündungen, oft als „Inflammaging“ bezeichnet, sind einer der größten Treiber des biologischen Alterns. Wenn Mikroplastik als bisher unterschätzter Faktor diese Entzündungen befeuert, wird die Reduktion der Plastikexposition zu einer essenziellen Säule der Prävention.

Die Zahl der Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen steigt weltweit parallel zur Plastikproduktion an. Lukas Kenner betont: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass MNP ein bislang unterschätzter Faktor bei der Entstehung und Verstärkung dieser Erkrankungen ist.“

Plastikboxen, Stichwort Nanoplastik.
(c) AdobeStock
Boxen aus Plastik sind für die Aufbewahrung von Essen praktisch, allerdings schaden sie durch den Abrieb von Mikro- und Nanoplastikteilchen massiv unserer Gesundheit.

Was können wir tun? Tipps zur Reduktion der MNP-Exposition

Auch wenn wir Plastik in der modernen Welt nicht komplett entkommen können, lässt sich die persönliche Belastung reduzieren:

  1. Frisch statt verpackt
    Meiden sie Lebensmittel in Polystyrol-Verpackungen [wie viele Take-away-Boxen]. Bevorzugen sie unverpackte, frische Lebensmittel.
  2. Kein Plastik in die Mikrowelle
    Erhitzen sie Speisen niemals in Plastikbehältern, da Hitze das Lösen von Partikeln massiv beschleunigt.
  3. Glas und Edelstahl bevorzugen
    Nutzen sie Trinkflaschen und Vorratsbehälter aus Glas oder Edelstahl statt aus Kunststoff.
  4. Wasserqualität achten
    Leitungswasser schneidet in Bezug auf Mikroplastik oft besser ab als Wasser aus Einweg-Plastikflaschen.
  5. Bewusstsein für Textilien
    Viele Mikroplastikpartikel in der Umwelt stammen aus Synthetikfasern [Vlies, Polyester]. Naturmaterialien sind die gesündere Wahl für Haut und Umwelt.

Fazit und Appell

Die Wiener Studie ist ein Weckruf an die Gesellschaft und die Politik. Während die Wissenschaft die Mechanismen hinter der schädlichen Wirkung von Mikro- und Nanoplastik immer genauer versteht, bleibt die regulatorische Antwort bisher aus.

Es ist an der Zeit, Plastik nicht nur als Umweltproblem zu betrachten, sondern als direkte Bedrohung für unsere zelluläre Gesundheit und unsere Langlebigkeit. Der Schutz unseres Darms beginnt beim täglichen Einkauf – für ein gesünderes Altern in einer plastikbewussteren Welt.


Studienquelle

Kopatz, V., Resch, U., et al. (2025). Polystyrene micro- and nanoplastics aggravates colitis in a mouse model – effects on biodistribution, macrophage polarization, and gut microbiome. In: Microplastics and Nanoplastics.
DOI: 10.1186/s43591-025-00160-7

(Bilder: AdobeStock)

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