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    Home»Körper & Geist»Stilles Leiden Inkontinenz: 1 Million Menschen in Österreich betroffen
    Grafik: ein Mann und eine Frau greifen sich in den Schritt, weil sie dringend auf´s WC müssen. (c) Pixabay.com

    Stilles Leiden Inkontinenz: 1 Million Menschen in Österreich betroffen

    11. Mai 20216 Mins Lesezeit

    Schätzungen zufolge sind in Österreich jede bzw. jeder Neunte von Harn- und/ oder Stuhlinkontinenz betroffen. Genaue Zahlen fehlen, denn Inkontinenz ist – nach wie vor – ein großes Tabuthema, sozusagen ein „stilles Leiden“. Viele Betroffenen wissen deshalb auch nicht, dass Inkontinenz behandelbar ist, oder verzichten aus Scham auf Therapie und Beratung. Das wollen das Hilfswerk und die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich [MKÖ] ändern. Sie fordern einen Masterplan Inkontinenz.

    Inhaltsverzeichnis verbergen
    Inkontinenz: Zumeist ein stilles Leiden, was aber nicht sein müsste
    Enttabuisierung und Verbesserung der Datenlage
    Ausbau von Beratung, Versorgung und Prävention
    Kontinenz-Beratung als Pflegedienstleistung
    Abbau der Verordnungsbürokratie
    Vergütung von Inkontinenzprodukten: Qualität vor Preis
    Eurokey für Inkontinente und Stomaträger•innen
    Hilfswerk-Schwerpunkt „Kontinenz fördern. Lebensqualität verbessern.“


    Inkontinenz: Zumeist ein stilles Leiden, was aber nicht sein müsste

    „Gegen Inkontinenz kann man eh nichts tun,“ oder „Eine schwache Blase ist eine normale Alterserscheinung und gehört zum Alter dazu.“ Solche und andere Mythen ranken sich hartnäckig um das Thema Inkontinenz. Richtig ist: Das Risiko einer Inkontinenz steigt im Alter. Ab 80 Jahren ist etwa jede bzw. jeder Dritte von Harn- und jede•r Fünfte von Stuhlinkontinenz betroffen. Aber auch 17 Prozent der 40- bis 59-Jährigen und 23 Prozent der 60- bis 79-Jährigen haben eine Form der Blasenschwäche [Nygaard, Jama 2011]. Der Großteil von ihnen leidet im Stillen: Knapp 70 Prozent waren wegen Harninkontinenz noch nie in ärztlicher Behandlung [Studie Blasengesundheit 2015].

    „Inkontinenz kostet nicht das Leben, sie kostet Lebensqualität,“ bringt es Othmar Karas, Präsident des Hilfswerks Österreich, auf den Punkt. Dabei könnten die richtige Beratung, Behandlung und Unterstützung die Lebensqualität Betroffener deutlich verbessern.

    Othmar Karas bei einer PK zum Thema stilles Leiden Inkontinenz.(c) Hilfswerk/ Roland Wallner
    Othmar Karas weiß, dass Inkontinenz zwar nicht das Leben, aber Lebensqualität kostet.

    Enttabuisierung und Verbesserung der Datenlage

    Dafür ist das Gesundheits- und Pflegesystem derzeit nicht ausreichend ausgestattet – auch, weil valide Daten zum Massenphänomen Inkontinenz fehlen. „Es braucht dringend eine umfassende Studie, um diesen blinden Fleck auf der Versorgungslandkarte zu beseitigen,“ fordert Michaela Lechner, Fachärztin für Koloproktologie und Präsidentin der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich. Ebenso wichtig: eine breit angelegte Enttabuisierungs-Kampagne. „Nur wenn die Menschen bereit sind, über Inkontinenz zu sprechen, haben therapeutische, pflegerische und präventive Bemühungen Erfolg,“ so die Fachärztin.

    Ausbau von Beratung, Versorgung und Prävention

    Angesichts der vielen Betroffenen sind kompetente Anlaufstellen für Menschen mit Inkontinenz zu dünn gesät. Ein forcierter Ausbau ist dringend notwendig, aktuell fehlt es aber an geschultem Personal. Zentrales Anliegen von MKÖ und Hilfswerk ist daher, Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte fort- und weiterzubilden und für das Thema zu sensibilisieren. Neben dem gezielten Ausbau von Beratung und Versorgung spielt die Prävention eine wichtige Rolle: „Präventionsmaßnahmen können Inkontinenz verhindern bzw. den Krankheitsverlauf verlangsamen. Das führt zu einer besseren Lebensqualität der Betroffenen,“ so Lechner.

    Michaela Lechner im Rahmen einer PK.(c) Hilfswerk/ Roland Wallner
    Michaela Lechner wünscht sich u.a. dringend notwendige Studie zum Thema Inkontinenz.

    Kontinenz-Beratung als Pflegedienstleistung

    „Unsere Fachkräfte möchten Inkontinenz-Patientinnen und -Patienten bestmöglich beraten und unterstützen. Die Zeit, die sie dafür brauchen, wird mit den Vergütungssätzen der Länder aber nicht abgedeckt,“ bemängelt Karas. Beratung, Kontinenz-Assessments und Unterstützung bei der Wahl des geeigneten Hilfsmittels sowie bei dessen Handhabung brauchen zwar Zeit, optimieren aber auf lange Sicht Verbrauch und Kosten. „Kontinenz-Beratung und Kontinenz-fördernde Pflege und Beratung müssen daher angemessen in die Tariftabellen der Länder integriert werden,“ fordert Karas.

    Abbau der Verordnungsbürokratie

    Seit 2016 ermöglicht das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz GuKG 2016 (§15a) die Weiterverordnung von Medizinprodukten durch diplomierte Pflegekräfte. Die Umsetzung des Artikels durch den Hauptverband der Sozialversicherungsträger lässt aber immer noch auf sich warten. Das heißt: Pflegekräfte müssen sich nach wie vor um ärztliche Verordnungsscheine bemühen. Das bindet allein im Hilfswerk Niederösterreich pro Jahr rund 5.000 Einsatzstunden von Pflegekräften.

    Auch die Erstverordnung mit nicht-medizinischen Inkontinenz-Hilfsmitteln wie Einlagen, Pants, Kondomurinale oder Beinbeutel durch diplomierte Pflegekräfte würde zum Bürokratieabbau beitragen. „Diese Hilfsmittel anzuwenden, ist eine Kernkompetenz der Pflegekräfte. Sie wissen am besten, welches Produkt geeignet ist. Darauf sollten wir vertrauen und diese bürokratische Schikane beseitigen,“ fordert Karas.

    Vergütung von Inkontinenzprodukten: Qualität vor Preis

    Für Betroffene ist die bedarfsgerechte Versorgung mit Inkontinenzprodukten von zentraler Bedeutung. Seit 1. Jänner 2021 [Wien ab 1. April 2021] ist die Kostenerstattung von saugenden Inkontinenzprodukten durch die Krankenkassen neu geregelt. Das verbessert zwar den Umfang der Produkte, die Menschen mit Inkontinenz zur Auswahl stehen, und reduziert den Selbstbehalt. Aus Sicht des Hilfswerks hat das neue Modell aber nach wie vor Mängel.

    Korrekturbedarf besteht beispielsweise bei der Beurteilung des täglichen Bedarfs bestimmter Inkontinenzprodukte durch die Krankenkassen. „Für viele Menschen mit Demenz zum Beispiel sind Pants die einzige akzeptable Form der Inkontinenzversorgung. Ihre Zumessung durch die Kassen ist aber, in Korrelation mit der Schwere der Demenz, vielfach auf lediglich ein bis zwei Pants pro Tag limitiert. Das entspricht nicht dem tatsächlichen Bedarf bzw. der pflegerischen Notwendigkeit,“ sagt Sabine Maunz, fachliche Leitung des Bereichs Pflege und Betreuung beim Hilfswerk Österreich.

    Sabine Maunz im Rahmen einer PK.(c) Hilfswerk/ Roland Wallner
    Sabine Maunz weiß aus ihrer Erfahrung, dass bei der Zumessung von Inkontinenzprodukten durch die Krankenkassen Korrekturbedarf besteht.

    Auch die Kostenübernahme gewisser Inkontinenzprodukte bedarf einer Optimierung: „Beim intermittierenden Selbstkatheterismus [ISK] orientiert sich die Vergütung am kostengünstigsten Modell. Das hat aber nicht immer die gewünschte Qualität – beispielsweise, weil es nicht beschichtet ist. Betroffene haben damit die Wahl zwischen einem billigeren Katheter-Modell, das zwar vergütet wird, aber gesundheitliche Nachteile mit sich bringt, oder einem hochwertigeren Produkt mit einer deutlich geringeren Rückerstattung durch die Krankenkasse,“ kritisiert Lechner. „Diese Wahl ist unzumutbar. Die Verwendung qualitativ besserer Inkontinenz-Produkte darf nicht zu höheren Kosten für die Betroffenen führen. Die MKÖ tritt deshalb beim Selbstbehalt für einen monatlichen Maximalbetrag nach deutschem Vorbild ein [zum Beispiel maximal 10 Euro pro Monat]. Derzeit ist der Selbstbehalt in Österreich mit 10 Prozent der anfallenden Kosten festgelegt.“

    Eurokey für Inkontinente und Stomaträger•innen

    Der Eurokey ermöglicht Menschen mit besonderen Bedürfnissen [Handicaps] den Zugang zu barrierefreien Einrichtungen wie Toiletten und Treppenliften. Menschen mit Harn- und/ oder Stuhlinkontinenz sowie Stomaträger•innen benötigen derartige Toilettenanlagen ebenso, um diskret und ohne Wartezeit eine Selbstkatheterisierung oder die Entleerung von Stomasäckchen durchführen zu können. Aktuell lehnen Behörden Anträge von Inkontinenten und Stomaträger•innen für einen Eurokey oft ab.

    „Bei nachgewiesener Inkontinenz und für Stomaträgerinnen und -träger sollte die Ausstellung eines Eurokeys eine Selbstverständlichkeit sein. Die MKÖ setzt sich daher für eine Ausweitung des Bezieher•innen-Kreises aus. Das würde den Alltag der Betroffenen entscheidend erleichtern,“ sagt Lechner.

    Hilfswerk-Schwerpunkt „Kontinenz fördern. Lebensqualität verbessern.“

    „Wenn wir möglichst vielen Betroffenen helfen wollen, darf Inkontinenz nicht länger ein Tabuthema bleiben,“ betont Hilfswerk-Pflegeexpertin Maunz. Das Hilfswerk hat die Inkontinenz deshalb zu seinem aktuellen Schwerpunkt gemacht: Bereits 2020 startete ein umfassendes Fortbildungsprogramm zum Thema. Es stärkt mittels Fachtagungen, Weiterbildungsangeboten und einer Online-Schulungs­plattform die Hilfswerk-Mitarbeiter•innen in ihrer Fach-, Beratungs- und Kommunikationskompetenz. In allen sieben Hilfswerk-Landesverbänden werden Inkontinenzbeauftrage ausgebildet, die über vertieftes Wissen zu den verschiedenen Formen von Inkontinenz und die entsprechenden Pflegemaßnahmen verfügen. Ein eigens kreierter Ansteck-Button signalisiert ihre „KOMPETENZ IN KONTINENZ„.

    Ein fachlich fundierter und umsichtig entwickelter Beratungsleitfaden unterstützt Pflegfachkräfte bei heiklen Fragen der Inkontinenz und erläutert hilfreiche Pflegemaßnahmen, speziell für die Versorgung zu Hause. Der soeben erschienene kostenlose Ratgeber „Schwache Blase, träger Darm?“ informiert Betroffene, Angehörige sowie Interessierte und gibt ihnen Tipps für den Alltag. Die Webplattform zum Ratgeber ist unter www.hilfswerk.at/inkontinenz zu finden. 

    Persönliche Beratung zu Inkontinenz bietet das Hilfswerk in seinen Dienststellen, über die mobile Pflege und Betreuung direkt bei den Betroffenen und Angehörigen zu Hause, im Rahmen von „HILFSWERK ON TOUR“ sowie unter der Service-Hotline 0800 800 820.

    (Bilder: Pixabay.com, Hilfswerk/ Roland Wallner)

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    Thomas Kumhofer
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    Thomas Kumhofer denkt das Älterwerden seit über zehn Jahren neu. Als Kopf hinter „AlterNEUdenken“ schickt er den klassischen Ruhestand in Rente: Statt auf Häkeldeckchen und Couching setzt er auf Aktives Altern und neuronale Abenteuer. Mit Expertise und Neugier beweist er, dass die beste Zeit für neue Expeditionen – im Kopf oder auf der Weltkarte – genau jetzt ist.

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