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    Home»Körper & Geist»Corona | Covid 19»Doping im Alltag: psychische Belastung treibt Medikamenten-Konsum
    Der Oberkörper eines Bodybuilders, der eine Dose mit Präparaten in der Hand hält. (c) AdobeStock

    Doping im Alltag: psychische Belastung treibt Medikamenten-Konsum

    27. Juni 20226 Mins Lesezeit

    Die Psychische Belastung während der Corona-Pandemie hat die Medikamenten-Einnahme in die Höhe getrieben. Das ist das Ergebnis einer von der Stiftung Anton Proksch-Institut Wien in Auftrag gegebenen Repräsentativerhebung „Doping im Alltag“, durchgeführt vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.

    Inhaltsverzeichnis verbergen
    Hohe Dunkelziffer bei Medikamentenabhängigkeit
    Datenlücke beim „Doping im Alltag“ schließen
    Covid-19: Psychische Belastung befeuert Medikamentengebrauch deutlich
    Unregelmäßige Arbeitszeiten fördern Einnahme von Beruhigungsmitteln
    Schmerzmittel: Deutlich überhöhter Konsum bei Menschen mit Migrationserfahrung
    Aufputschmittel besonders bei Jüngeren verbreitet
    Anregende Substanzen zur Unterstützung der Alltags-Bewältigung
    Koffein und Alkohol besonders weit verbreitet
    Über die Stiftung Anton Proksch-Institut Wien


    Hohe Dunkelziffer bei Medikamentenabhängigkeit

    Geschätzte 150.000 Österreicherinnen und Österreicher sind arzneimittelabhängig. Aufgrund der vermutlich sehr hohen Dunkelziffer liegt die tatsächliche Zahl aber wesentlich höher, Schätzungen gehen von bis zu 300.000 Personen aus.

    „Eine genaue Angabe ist deshalb schwer möglich, da die Medikamentenabhängigkeit, wie keine andere Suchterkrankung, im Verborgenen stattfindet und die Betroffenen sehr lange sozial unauffällig bleiben,“ so Prim. Dr. Wolfgang Preinsperger, Ärztlicher Direktor am Anton Proksch Institut, eine der führenden Suchtkliniken Europas.

    Die Hände eines Arztes mit Handschuhen, der eine Covid-19 Blutprobe hält.(c) AdobeStock
    Die Covid-19 Pandemie hat leider auch zu erhöhtem Medikamentenmissbrauch aufgrund psychischer Belastungen geführt.

    Datenlücke beim „Doping im Alltag“ schließen

    Während die wissenschaftliche Literatur zu Alkohol- oder Drogenabhängigkeit sehr umfangreich ist, lagen zur Medikamentenabhängigkeit bisher kaum Forschungsergebnisse vor – eine Datenlücke, zu deren Schließung die vorliegende Studie beitragen soll. Im ersten Teil der Studie erfolgte die Befragung der Stichprobe von 1.000 Personen telefonisch durch Gallup Österreich. In einer Zusatzerhebung im Oktober 2021 wurden dann per Onlinebefragung speziell die pandemiebedingten Konsum- und Alltagsdopingtrends beleuchtet.

    Alltagsdoping umfasst den obligatorischen Morgenkaffee, die Zigarette vor der Arbeit, den Espresso in der Nachmittagspause oder auch das Gläschen Wein abends zum Entspannen auf der Couch. Doch auch Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel werden gezielt zur Beeinflussung der Psyche und zur Leistungssteigerung bei Gesunden eingenommen.

    Covid-19: Psychische Belastung befeuert Medikamentengebrauch deutlich

    Die Belastungen der Bevölkerung durch die Covid-19-Pandemie erwies sich im Oktober 2021 als nach wie vor erheblich. Beinahe ein Drittel der Befragten [26 Prozent] fühlte sich psychisch belastet. 19 Prozent gaben an, körperlich belastet zu sein. Die wirtschaftliche/ finanzielle Belastung [22 Prozent] befand sich ebenfalls auf hohem Niveau. Generell gaben Frauen zu allen drei Messzeitpunkten eine höhere psychische Belastung an als Männer.

    Vor diesem Hintergrund wurde das Konsumverhalten für Beruhigungs- und/ oder Schlafmittel, Schmerzmittel bzw. Aufputschmittel erhoben, um den Einfluss der durch die Pandemie hervorgerufenen psychischen Belastungsfaktoren auf den Medikamentenkonsum zu beleuchten.

    Wolfgang Preinsperger: „Betrachtet man jene Personengruppe, die angegeben hat, sich durch die Covid-19-Pandemie psychisch belastet zu fühlen, so zeigt sich eine signifikant stärkere Zunahme des Schmerzmittelgebrauchs. Psychisch Belastete nehmen etwa doppelt so häufig Schmerzmittel ein, als jene, die sich selbst nicht als psychisch belastet erleben. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich bei Beruhigungs- bzw. Schlafmitteln. Aufputschmittel werden von psychisch Belasteten sogar etwa drei bis vier Mal häufiger eingenommen als von Unbelasteten.“

    Weiters zeigt die Studie: Neben der eigentlichen Wirkung der jeweiligen Substanzklasse spielen indirekte Wirkungen als Einnahmemotiv eine große Rolle. So werden beispielsweise Schmerzmittel auch zur Selbstbehandlung depressiver Symptome eingesetzt.

    Unregelmäßige Arbeitszeiten fördern Einnahme von Beruhigungsmitteln

    16 Prozent der Befragten gaben an, während der Pandemie mindestens einmal Benzodiazepine, also Medikamente, die als Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingesetzt werden, eingenommen zu haben. Hier ist ein deutliches Plus des Konsums zu verzeichnen: Bei 48 Prozent von Personen, die Beruhigungsmittel einnehmen, kam es zu einer Zunahme, nur bei sieben Prozent dagegen zu einer Abnahme. Am häufigsten ist die Einnahme unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 30 Jahre.

    Auffällig: Personen mit häufig wechselnden Arbeitszeiten geben fast doppelt so häufig an, Benzodiazepine einzunehmen, als jene mit regelmäßigen [65 Prozent gegenüber 38 Prozent]. Es ist davon auszugehen, dass in diesen Fällen Schlafstörungen mit Benzodiazepinen „behandelt“ werden. Der kurzfristigen Linderung der Schlafprobleme stehen hier jedoch langfristig negative Auswirkungen wie Schlafstörungen und Abhängigkeitsentwicklung gegenüber.

    Eine Frau im Bett, die sich mit den Hände auf den Kopf greift wegen Schlaflosigkeit.(c) AdobeStock
    Bein anhaltenden Schlafstörungen sollte man auf jeden Fall das Gespräch mit seiner Ärztin/ seinen Arzt suchen – und nicht selbst mit Medikamenten herumexperimentiern.

    Schmerzmittel: Deutlich überhöhter Konsum bei Menschen mit Migrationserfahrung

    Knapp die Hälfte [45 Prozent] der österreichischen Allgemeinbevölkerung ab dem 16. Lebensjahr gab an, mindestens einmal seit Pandemiebeginn Schmerzmittel eingenommen zu haben. Während der Pandemie scheint sich das Konsumverhalten zwar nicht verändert zu haben, allerdings zeigt sich, dass jüngere Personen deutlich häufiger eine Schmerzmitteleinnahme angeben als ältere.

    Knapp ein Drittel der Schmerzmittelkonsumentinnen und -konsumenten nimmt diese mehrmals die Woche ein, Migrantinnen und Migranten der ersten Generation allerdings etwa doppelt so häufig, wie Personen ohne Migrationshintergrund bzw. in Österreich geborene Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation. Elf Prozent der Österreicherinnen und Österreicher nehmen mehr Schmerzmittel ein, als ärztlich verordnet. Bei Migrantinnen und Migranten der ersten Generation steigt dieser Wert auf 33 Prozent.

    Aufputschmittel besonders bei Jüngeren verbreitet

    Aufputschende Substanzen werden seit Beginn der Pandemie von vier Prozent der Befragten eingenommen. Bei 38 Prozent der Aufputschmittel einnehmenden Personen kam es zu einer Zunahme, bei 24 Prozent zu einer Abnahme des Konsums. Aufputschende Substanzen zu sich zu nehmen, kommt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 30 Jahre nahezu doppelt so häufig vor wie bei älteren Personen [neun Prozent].

    Anregende Substanzen zur Unterstützung der Alltags-Bewältigung

    In einem immer schnelllebigeren und leistungsbezogenen Alltag greifen zahlreiche Menschen auf anregende Substanzen zurück, um bei der Bewältigung diverser Aufgaben ihr volles Potential ausschöpfen zu können oder um sich in einen gewünschten Gefühlszustand zu versetzen. Besonders in Belastungssituationen soll durch Alltagsdoping ein gewünschter Zustand erreicht werden.

    Die größten Belastungen werden laut Studie im beruflichen Kontext angegeben [ca. 70 Prozent im Beruf gegenüber 40 Prozent in Familie und Partnerschaft bzw. 30 Prozent in der Freizeit]. Trotzdem überwiegt das Einnahmemotiv Enhancement im Freizeitbereich. Berufliche Belastungen scheinen demnach im Freizeitbereich und Familienleben weiter fortzubestehen. Um dort subjektive Leistungsfähigkeit bzw. Wohlbefinden zu erreichen oder aufrecht zu erhalten, werden zahlreiche Substanzen eingesetzt.

    Koffein und Alkohol besonders weit verbreitet

    Nahezu jede Österreicherin bzw. jeder Österreicher konsumiert koffeinhaltige Getränke und Lebensmittel. 2019 haben drei Viertel der Österreicherinnen und Österreicher über dem 18. Lebensjahr zumindest einmal Alkohol zu sich genommen. Knapp die Hälfte der Befragten nimmt Nahrungsergänzungsmittel ein. 41 Prozent der Befragten gaben an, im letzten Jahr Schmerzmittel zu sich genommen zu haben.

    Ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher raucht zumindest gelegentlich, knapp zehn Prozent nahmen Beruhigungsmittel, ein Prozent Aufputschmittel. Frauen setzen dabei bis auf Koffein alle Substanzen häufiger zur Steigerung von Leistung und Wohlbefinden ein, während Männer die genannten Substanzen stärker als Medikament gegen Belastungen benutzen.

    Ein Mann liegt mit dem Kopf auf einem Tisch, vor ihm Medikamente, Stichwort Doping im Alltag.(c) AdobeStock
    Es müssen nicht immer Medikamente sein, auch Koffein und Alkohol zählen zu süchtig machenden Substanzen, die ab einer gewissen täglich konsumierten Menge bedenklich werden.

    Über die Stiftung Anton Proksch-Institut Wien

    1956 als Stiftung „Genesungsheim Kalksburg“ gegründet, blickt die heutige Stiftung Anton Proksch-Institut Wien auf jahrzehntelange Erfahrung im Bereich der Forschung, Lehre, Früherkennung sowie ambulante und stationäre Behandlung [inklusive Rehabilitations- und [Re-]Integrationsansätze] von Suchterkrankungen zurück. Sie hält außerdem 40 Prozent der API Betriebs gemeinnützige GmbH. Als Präsident fungiert derzeit Mag. Richard Gauss, Bereichsleiter der Geschäftsgruppe Soziales, Gesundheit und Sport der Stadt Wien [MA 24].

    (Bilder: AdobeStock)

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    Thomas Kumhofer
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    Thomas Kumhofer denkt das Älterwerden seit über zehn Jahren neu. Als Kopf hinter „AlterNEUdenken“ schickt er den klassischen Ruhestand in Rente: Statt auf Häkeldeckchen und Couching setzt er auf Aktives Altern und neuronale Abenteuer. Mit Expertise und Neugier beweist er, dass die beste Zeit für neue Expeditionen – im Kopf oder auf der Weltkarte – genau jetzt ist.

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