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    Home»Pflege & Betreuung»Psychische Erkrankung: fast jeder 3. Österreicher* über 65 leidet
    Der Kopf eines alten Mannes. (c) Pixabay.com

    Psychische Erkrankung: fast jeder 3. Österreicher* über 65 leidet

    28. Apr. 20217 Mins Lesezeit

    Das Thema Pflege von vor allem älteren Menschen wird derzeit heiß diskutiert. Dabei geht es jedoch ausschließlich um die Frage, wie die Pflege körperlich Kranker gewährleistet werden kann. Wie aber sieht es mit der Pflege von Menschen aus, die eine psychische Erkrankung haben? Diese Menschen stellen eine stark benachteiligte Gruppe dar. Auch hier sind vor allem ältere Menschen betroffen – Demenz, Depressionen und Wahnvorstellungen treten gerade in höherem Alter vermehrt auf. Außerdem erreichen erstmals chronisch psychisch kranke Menschen ein höheres Lebensalter.

    Da diese Erkrankungen nicht den Richtlinien zur Zuerkennung von Pflegegeld entsprechen, erhalten die Betroffenen keine finanzielle Unterstützung. Das gegenwärtig in Österreich etablierte Pflegesystem bietet Hilfe und Unterstützung nur bei körperlichen Leiden. Vor allem ältere Menschen mit psychischen Problemen benötigen jedoch psychiatrische „Pflege“ im Sinn von Betreuung durch multiprofessionelle Betreuungsteams zu Hause, um ihr Leben in den eigenen vier Wänden fortführen zu können. pro mente Austria fordert daher, die sozialpsychiatrische Pflege und Betreuung der Pflege körperlicher Erkrankungen gleichzustellen.

    Inhaltsverzeichnis verbergen
    Pflege in den eigenen vier Wänden
    Pflege erfolgt immer seltener durch Angehörige
    Psychische Erkrankungen im Alter weit verbreitet
    Pflegegeld orientiert sich rein an körperlichen Bedürfnissen
    Leid, hohe Kosten und Tod als Folgen psychiatrischer Unterversorgung
    Und wie sollte eine alterspsychiatrische mobile Versorgung aussehen?


    Pflege in den eigenen vier Wänden

    In der derzeit intensiv geführten Diskussion um die Pflege vorwiegend von älteren Menschen geht es in erster Linie darum, ihnen eine menschenwürdige und hochwertige Unterstützung zu bieten. „Und ihnen zu ermöglichen, in den eigenen vier Wänden weiterleben zu können. Betroffene und Angehörige müssen dabei nachhaltig unterstützt und gestärkt werden,“ so pro mente Austria-Präsident Dr. Günter Klug. „In der gegenwärtigen Diskussion kommt aber die sozialpsychiatrische Pflege und Betreuung zu Hause einfach nicht vor. Der Begriff ‚Pflege‘ wird auf rein körperliche Bedürfnisse beschränkt verstanden. Dabei ist sozialpsychiatrische Pflege und Betreuung für die Betroffenen und ihre Angehörigen von mindestens ebenso existentieller Bedeutung wie die körperliche Pflege!“

    Ein alter Mann alleine auf einer Parkbank.(c) Pixabay.com
    Sozialpsychiatrische Pflege und Betreuung kommt nach wie vor in der aktuellen Diskussion rund um das Thema Pflege nicht vor.

    Pflege erfolgt immer seltener durch Angehörige

    Hintergrund zur aktuellen Diskussion ist, dass die Zahl der älteren Menschen in Österreich stark ansteigend ist. Der Anteil der über 60 Jährigen in der Gesamtbevölkerung wächst von 1991 bis 2030 von 20 Prozent auf 32 Prozent [1], [2] und wird noch weiter steigen. Besonders die Gruppe der Höchstaltrigen wird am stärksten wachsen, die über 75 Jährigen in diesem Zeitraum um mehr als ein Drittel, der Anteil der über 90 Jährigen wird sich bis 2050 vervierfachen. [3]

    Gleichzeitig kommt es zu Veränderungen in unserer Gesellschaft durch steigende Frauenbeschäftigung, mehr Single-Haushalte – besonders auch bei Älteren –, weniger Kinder etc. Das bedeutet, dass der Anteil der sogenannten „informellen“ Pflege alter Menschen durch Angehörige zu Hause sinkt. Klug: „Damit steigt aber die Quote jener, die auf öffentliche Betreuungsleistungen angewiesen sind, noch zusätzlich zum bestehenden Altersanstieg.[4] Daraus ergibt sich der jetzt erkannte immense Handlungsbedarf.“

    Psychische Erkrankungen im Alter weit verbreitet

    Rund 25-30 Prozent der Menschen über 65 leiden an Problemstellungen, deren Ursache eine psychische Erkrankung ist. Dies hat vor allem damit zu tun, dass viele Menschen heutzutage mit bereits bestehenden psychiatrischen Erkrankungen – im Unterschied zu früher – durchaus ein hohes Alter erreichen. Gleichzeitig treten aber auch altersspezifische Erkrankungen wie Demenz, Depression und Wahnerkrankungen im Alter neu auf.

    Nur ein kleiner Teil dieser Menschen lebt in Pflegeheimen, 70-80 Prozent leben unabhängig zu Hause. Sie werden in unterschiedlicher Intensität von ihren Angehörigen versorgt, in vielen Fällen haben sie aber keinen Zugang zur psychosozialen bzw. sozialpsychiatrischen Versorgung. Klug betont: „Diese Menschen stellen eine stark benachteiligte Gruppe dar. Denn für sie gibt es so gut wie keine institutionelle Hilfe! Das gegenwärtig in Österreich etablierte Pflegesystem bietet Hilfe und Unterstützung nur bei körperlichen Leiden. Daher müssen dringend gesetzliche Regelungen geschaffen werden, die es auch psychisch kranken Menschen ermöglicht, die Unterstützung zu erhalten, die sie benötigen.“

    Pflegegeld orientiert sich rein an körperlichen Bedürfnissen

    Das Pflegegeld orientiert sich nur an den körperlichen Bedürfnissen. „Sobald ein alter Mensch Probleme mit dem Anziehen, der Körperhygiene, dem Einkauf, dem Gehen etc. hat, wird das in notwendige Betreuungsstunden umgelegt, woraus sich die Höhe des zuerkannten Pflegegeldes ergibt. Dieses System ist jedoch für Menschen mit psychisch-psychiatrischen Einschränkungen, die eine psychische Erkrankung haben, völlig ungeeignet, da sich der Unterstützungsbedarf von Menschen mit psychischen Erkrankungen weitgehend von dem körperlich Kranker unterscheidet,“ erläutert Klug. Wenn ein Mensch zum Beispiel mit Demenz Aufsicht braucht, ist das ebenso wenig erfasst wie die völlige Energielosigkeit einer schwer depressiven Person, die zwar zur Körperhygiene fähig wäre, aber die Energie nicht aufbringen kann. Diese Menschen erhalten jedoch kein Pflegegeld, da die bestehenden Kriterien nicht auf sie zutreffen.

    Klug: „Daher ist es dringend erforderlich, eine Einstufungsgrundlage für das Pflegegeld für psychische Erkrankungen zu schaffen, die die psychischen Einschränkungen berücksichtigt und nicht nur körperliche Defizite gelten lässt.“

    Leid, hohe Kosten und Tod als Folgen psychiatrischer Unterversorgung

    Die Vernachlässigung der Versorgung von psychisch kranken Menschen führt dazu, das medizinische, soziale und Probleme mit der Selbstständigkeit massiv zunehmen. Daraus ergibt sich eine extreme Belastung der Angehörigen, eine mit hohen Kosten verbundene intensivere Nutzung des Gesundheitssystems, mehr kostenintensive Krankenhaus- und Pflegeheimaufenthalte und letztlich auch eine erhöhte Sterblichkeit. [5], [6|, [7]

    Ein Mann von hinten, der sich die Hände auf dem Hinterkopf verschränkt, Stichwort psychische Erkrankung.(c) Pixabay.com
    Menschen mit einer psychischen Erkrankung erhalten in Österreich immer noch viel zu wenig Unterstützung.

    Und wie sollte eine alterspsychiatrische mobile Versorgung aussehen?

    Analog zu den mobilen Diensten, die Pflege und Unterstützung für körperlich Kranke auf unterschiedlichen Leistungsniveaus – von der Heimhilfe bis zu diplomierter Pflegekraft – anbieten, sollten auch im sozialpsychiatrischen Bereich mobile Teams zum Einsatz kommen, die Versorgung und Unterstützung auf verschiedenen Niveaus anbieten. Klug: „Die Versorgung der Menschen sollte durch ein multidisziplinäres Team, bestehend aus Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen, psychiatrischen Pflegekräften und einem Psychiater bzw. einer Psychiaterin erfolgen.“

    Neben der Unterstützung bei Problemen im Alltag geht es darum, den Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, im Rahmen einer therapeutischen Beziehung zu helfen und sie im Bedarfsfall psychiatrisch zu versorgen. Ganz wichtig ist bei diesen Menschen der Beziehungsaufbau. Klug: „Da bei psychisch kranken Menschen der Effekt über Beziehung und Gespräch erfolgt, wird hier auch eine andere Zeitbemessung benötigt. Das bedeutet aber nicht einen unbegrenzten Aufwand, da sich dieser, wenn das System einmal etabliert ist, abgesehen von Krisen, in durchaus vertretbarem Ausmaß bewegt.“

    Abschließend fasst der pro mente Austria-Präsident zusammen: „Es ist gar nicht notwendig, das Rad neu zu erfinden! Es gibt bereits einige gute, bewährte Pilotmodelle zur psychiatrischen Pflege in Österreich, die zeigen, wie es funktioniert. Nun müssen die entsprechenden gesetzlichen Regelungen und Voraussetzungen geschaffen werden, um, analog zu den mobilen Diensten im Bereich der körperlichen Pflege, österreichweit mobile Dienste zur [alters-]psychiatrischen Pflege und Betreuung zu schaffen.“

    * Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Alle Bezeichnungen gelten sowohl für Frauen als auch für Männer.


    Literatur

    [1] Klug Neuropsychiatrie 2004

    [2] Badelt CH, Holzmann A, MAtul Ch, Österle A. Kosten der Pflegeversicherung. In: Badelt Ch (Hrsg): Strukturen und Entwicklungen der Altenbetreuung. Böhlau Wien Köln Weimar 1995

    [3] Berner J, Krautgartner M, Wancata J. Krankenbestände und Neuerkrankungen von Demenzkranken in den österreichischen Bundesländern in den Jahren 2000 bis 2050. Gemeindenahe Psychiatrie , 22(1), 2001, 14-32

    [4] Famira-Mühberger U., Frigo M. Wifo auf Basis Statistik Austria, Bevölkerungsprognose 2016(Hauptvariante) sowie realisiertem Wert für die Bevölkerung im Jahresdurchschnitt 2016 Werte ab 2017 Prognose. Wifo 2017

    [5] Bruce ML, Van Citters AD, Bartels SJ. Evidence-based mental health services for home and community. Psychiatr Clin N Am, 2005; 28, 1039-60

    [6] Klug G, Hermann G, Fuchs-Nieder B, Panzer M, Haider-Stipacek, Zapotoczky HG, Priebe St.Effectiveness of home treatment for elderly people with depression: randomised controlled trial. BJPsych 2010 197, 463-467

    [7] Klug G, Gallunder M, Gerhard G, Singer M, Schulter G. Effectiveness of multidisciplinary psychiatric home treatment for elderly patients with mental illness: a systematic review of empirical studies. BMC psychiatry.(2019) 19:382, https://doi.org/10.1186/s12888-019-2369-z

    Über pro mente Austria

    pro mente Austria ist der Dachverband von 24 gemeinnützigen Organisationen, die in Österreich im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich für Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, tätig sind. Ziel von pro mente Austria ist es, das Leben und die Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen nachhaltig zu verbessern und sie und ihr soziales Umfeld zu unterstützen und zu stärken. Das Angebot der 24 Mitgliedsorganisationen von pro mente Austria ist breit gefächert. Sie betreuen österreichweit mit 4.000 Mitarbeiter*innen jährlich rund 80.000 Menschen mit psychischen oder psychiatrischen Problemen bzw. Erkrankungen.

    (Bilder: Pixabay.com)

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    Thomas Kumhofer
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    Thomas Kumhofer denkt das Älterwerden seit über zehn Jahren neu. Als Kopf hinter „AlterNEUdenken“ schickt er den klassischen Ruhestand in Rente: Statt auf Häkeldeckchen und Couching setzt er auf Aktives Altern und neuronale Abenteuer. Mit Expertise und Neugier beweist er, dass die beste Zeit für neue Expeditionen – im Kopf oder auf der Weltkarte – genau jetzt ist.

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