Der demographische Wandel in Österreich ist keine abstrakte Statistik mehr, sondern Realität in unseren Krankenhäusern und Arztpraxen. Mit steigender Lebenserwartung wächst auch das Risiko, an Krebs im Alter zu erkranken. Der aktuell veröffentlichte Österreichische Krebsreport 2025 der Krebshilfe und der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (OeGHO) zeigt deutlich: Wir stehen vor einer Zäsur in der onkologischen Versorgung.
Die demographische Zeitbombe in Zahlen
Bereits heute sind über 60% aller Krebspatientinnen und -patienten in Österreich über 65 Jahre alt. Doch die Prognosen für die nahe Zukunft sind noch drastischer:
- Bis zum Jahr 2040 wird der Anteil der über 65-Jährigen an den Neudiagnosen auf über 75% steigen.
- Die absolute Zahl der Menschen ab 65, die in den letzten fünf Jahren eine Diagnose erhielten, wird sich von rund 60.000 (2013) auf etwa 130.000 (2040) mehr als verdoppeln.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass „Krebs im Alter“ nicht länger ein Spezialfall ist, sondern zum Regelfall der Onkologie wird (Quelle: Statistik Austria ).
Therapieziel vor Therapieplan – Individualität statt Schema F
Eine der zentralen Forderungen des Krebsreports 2025 ist die Abkehr von starren, rein altersbasierten Behandlungsschemata. Bisher orientierten sich Leitlinien oft an jüngeren, „fitten“ Patient•innen. Doch das biologische Alter korreliert oft nur bedingt mit dem kalendarischen Alter.
Ganzheitliche Bewertung (Geriatrisches Assessment)
Um eine Über- oder Untertherapie zu vermeiden, setzen Expert•innen verstärkt auf standardisierte Verfahren zur Erfassung der gesundheitlichen Situation. Dabei werden folgende Faktoren gewichtet:
- Begleiterkrankungen (Komorbiditäten)
Welche anderen Leiden (Herz-Kreislauf, Diabetes etc.) liegen vor? - Polypharmazie
Welche Wechselwirkungen bestehen mit bereits eingenommenen Medikamenten? - Funktionelle Reserve
Wie mobil und belastbar ist die Person im Alltag? - Kognition und Soziales
Wie sieht das Unterstützungssystem aus?
Das Ziel ist ein maßgeschneiderter Weg, der die Lebensqualität ins Zentrum stellt. Oft ist der Erhalt der Mobilität wichtiger als eine aggressive Tumorverkleinerung um jeden Preis.

Innovation kennt keine Altersgrenze
Trotz der Komplexität gibt es eine positive Nachricht aus der österreichischen Versorgungslandschaft: Innovative Medikamente werden hierzulande bis ins hohe Alter (über 80 Jahre) verabreicht. Die Daten des Reports belegen, dass ältere Patient•innen (über 65 und sogar über 75 Jahre) von modernen Therapien genauso profitieren wie jüngere – mit einem Überlebenszugewinn von über 5% bei bestimmten Krebsarten.
„Um diese hohe Qualität der Versorgung angesichts massiv steigender Zahlen zu halten, müssen wir die besonderen Bedürfnisse älterer Patient•innen in der Gesundheitsplanung medizinisch und organisatorisch optimal berücksichtigen“, betont Priv.-Doz. Dr. Kathrin Strasser-Weippl, wissenschaftliche Leiterin des Reports.
Vorsorge neu denken: Informiert statt pauschal
Ein kritischer Punkt bleibt die Prävention. Österreich hinkt bei den „gesunden Lebensjahren“ hinterher. Mit nur 8,1 gesunden Jahren im Alter von 60 liegen wir deutlich unter dem EU-Durchschnitt.
Krebshilfe-Präsident Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda mahnt daher eine Stärkung des Gesundheitsbewusstseins an:
- Lebensstil
Bewegung, Nichtrauchen und Vermeidung von Übergewicht sind auch im Alter noch effektive Hebel. - Individuelle Früherkennung
Vorsorgeuntersuchungen sollten nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern basierend auf dem individuellen Nutzen durchgeführt werden. Es geht darum, informierte Entscheidungen zu treffen, die die verbleibende Lebenszeit bereichern, statt sie durch unnötige Diagnostik zu belasten.
Die Rolle der Politik und Forschung
Die Versorgung älterer Krebspatient•innen ist eine interdisziplinäre Herkulesaufgabe. Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll (OeGHO) fordert eine stärkere Sensibilisierung der Behandlerteams und einen verstärkten Einschluss älterer Menschen in klinische Studien, um die Datenlage für diese Altersgruppe zu verbessern.
Birgit Gerstorfer, Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates, sieht im Krebsreport eine fundamentale Grundlage für eine „vorausschauende Gesundheitspolitik“. Es gelte, der Krankheit nicht nur effizient, sondern vor allem menschlich zu begegnen.
Fazit für Betroffene und Angehörige
»Alter NEU denken« bedeutet im Kontext von Krebs: Weg von der Angst vor dem Alter, hin zur Gestaltung der individuellen Gesundheit.
- Fragen sie aktiv nach einem geriatrischen Assessment.
- Thematisieren sie ihre persönlichen Prioritäten (zum Beispiel Erhalt der Selbstständigkeit).
- Nutzen sie die innovativen Therapieangebote, die in Österreich glücklicherweise auch für Hochbetagte zugänglich sind.

Checkliste: Das Arztgespräch bei Krebs im Alter
Diese Fragen helfen ihnen oder ihren Angehörigen dabei, im Gespräch mit den Onkolog•innen sicherzustellen, dass nicht nur der Tumor, sondern der ganze Mensch im Blick behalten wird.
1. Ziele und Prioritäten klären
- Was ist das primäre Ziel dieser Therapie? (Heilung, Symptomlinderung oder das Aufhalten des Tumorwachstums?)
- Wie beeinflusst die Behandlung meine tägliche Lebensqualität? Werde ich weiterhin in der Lage sein, meinen Haushalt zu führen oder Hobbys nachzugehen?
- Therapieziel vor Therapieplan: Entspricht dieser Plan meinen persönlichen Wünschen (zum Beispiel Erhalt der Mobilität vs. maximale Lebensverlängerung)?
2. Ganzheitliche Gesundheit (Geriatrisches Assessment)
- Wurde meine allgemeine Belastbarkeit (Fitness) systematisch geprüft? (Fragen sie aktiv nach einem geriatrischen Assessment).
- Wie wirken sich meine bestehenden Vorerkrankungen (zum Beispiel Herzprobleme, Diabetes) auf die Wahl der Krebstherapie aus?
- Polypharmazie-Check: Passen die neuen Krebsmedikamente zu meinen bisherigen Tabletten? (Bringen sie unbedingt eine aktuelle Medikamentenliste mit!).
3. Belastung und Nebenwirkungen
- Welche Nebenwirkungen sind in meinem Alter besonders kritisch? (zum Beispiel Sturzgefahr, Verwirrtheit oder extreme Müdigkeit).
- Gibt es sanftere Alternativen? Wenn eine aggressive Chemotherapie zu belastend erscheint: Gibt es moderne, zielgerichtete Therapien oder Immuntherapien, die besser verträglich sind?
- Was passiert, wenn wir die Therapie anpassen oder pausieren? Wie flexibel ist der Plan, wenn die Belastung zu groß wird?
4. Unterstützung und Organisation
- Welche Unterstützung brauche ich zu Hause? Ist während der Therapie eine vorübergehende Pflege oder Hilfe im Alltag notwendig?
- Gibt es spezialisierte Ansprechpartner für ältere Krebspatienten in dieser Klinik (zum Beispiel Zusammenarbeit mit der Geriatrie)?
- Wo finde ich psychosoziale Unterstützung? Wer hilft mir oder meinen Angehörigen bei der mentalen Bewältigung?
Ein Tipp für den Termin: Nehmen sie eine Begleitperson mit (Vier-Augen-Prinzip) und bitten sie den Arzt oder die Ärztin, komplizierte Fachbegriffe verständlich zu erklären.
Zusatz-Checkliste: Ernährung im Alter bei Krebs
1. Status-Quo und Bedarfsanalyse
- Besteht bereits eine Mangelernährung? Habe ich in den letzten Wochen ungewollt Gewicht verloren (auch wenn ich Übergewicht habe)?
- Wie hoch ist mein Eiweißbedarf? Im Alter und bei Krebs benötigt der Körper oft deutlich mehr Protein, um die Muskelmasse und das Immunsystem zu erhalten.
- Gibt es Kau- oder Schluckbeschwerden? Diese werden oft übersehen, erschweren aber die ausreichende Nahrungsaufnahme massiv.
2. Praktische Umsetzung im Alltag
- Kleine Portionen, hohe Dichte: Kann ich statt drei großer Mahlzeiten lieber fünf bis sechs kleine, aber kalorienreiche Snacks zu mir nehmen?
- Hilfsmittel: Wann ist der Einsatz von medizinischer Trinknahrung (Astronautennahrung) sinnvoll, um Engpässe zu überbrücken?
- Appetitlosigkeit: Welche natürlichen Mittel oder Medikamente können helfen, wenn die Lust am Essen durch die Therapie völlig verschwindet?
3. Fachliche Unterstützung
- Gibt es eine onkologische Ernährungsberatung? Kann das Krankenhaus oder die Praxis einen Kontakt zu spezialisierten Diätolog•innen herstellen?
- Blutwerte-Check: Müssen spezifische Vitamine (zum Beispiel Vitamin D oder B12) aufgrund des Alters und der Therapie supplementiert werden?
Wichtiger Hinweis für Angehörige: Zwingen sie den Betroffenen nicht zum Essen, aber bieten sie „Energiedichten“ an (zum Beispiel Anreichern von Speisen mit hochwertigen Ölen oder Sahne), falls das Volumen der Mahlzeiten zum Problem wird.
(Bilder: AdobeStock)





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