Die Zahlen sind eindringlich: Allein in Wien leben aktuell rund 30.000 Menschen mit Demenz – eine Zahl, die sich bis 2050 auf über 60.000 verdoppeln wird. Rechnet man dies auf ganz Österreich hoch, wird deutlich, dass demenzielle Erkrankungen längst kein Randphänomen mehr sind, sondern eine zentrale gesellschaftspolitische Herausforderung für das gesamte Bundesgebiet darstellen.
Eine aktuelle Studie des Fonds Soziales Wien (FSW) liefert wertvolle Einblicke in die Bedürfnisse von Betroffenen und Angehörigen, die richtungsweisend für die nationale Demenzstrategie sind – Demenz Neu Denken.
Die Diagnose: Oft ein Zufallsfund mit Folgen
Ein zentrales Ergebnis der Erhebung ist die späte Identifikation der Krankheit. Viele Betroffene berichten, dass die Diagnose eher ein Zufallsfund war. Symptome werden oft fälschlicherweise als normale Alterserscheinungen abgetan.
Warum eine frühe Diagnose entscheidend ist:
- Rechtzeitige Planung: Ermöglicht die Organisation von Unterstützung, bevor Krisensituationen entstehen.
- Therapeutische Optionen: Medizinische und psychosoziale Interventionen greifen in frühen Stadien am besten.
- Akzeptanz: Eine klare Diagnose hilft Angehörigen, Verhaltensänderungen nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil der Erkrankung zu verstehen.
Pflege und Betreuung: Der Wunsch nach dem eigenen Zuhause
In Österreich herrscht Einigkeit darüber, wie man im Alter leben möchte. Bei leichter Demenz bevorzugen rund 69 % der Befragten die Pflege in den eigenen vier Wänden, idealerweise durch die Familie unterstützt durch mobile Dienste.
Die Versorgungsstruktur in der Praxis
Um diesem Wunsch gerecht zu werden, setzen Träger in ganz Österreich auf ein abgestuftes System:
- Mobile Pflege & Alltagsbegleitung: Unterstützung im Haushalt und bei der sozialen Teilhabe.
- Tageszentren: Spezialisierte Einrichtungen bieten Struktur und entlasten pflegende Angehörige.
- Stationäre Pflege: Bei schwerer Demenz halten 59 % der Bevölkerung eine spezialisierte Wohneinrichtung für die ideale Form, um Sicherheit und Fachbetreuung zu gewährleisten.
„Demenz ist ein Querschnittsthema. Es muss in allen Bereichen des Sozialsystems mitgedacht werden – von der gesundheitlichen Versorgung bis hin zur Gestaltung des öffentlichen Raums.“
Stigmatisierung und der „Rückzug ins Private“
Trotz zunehmender Aufklärung kämpfen Betroffene weiterhin mit Scham und sozialer Isolation. Die Studie zeigt:
- Angst vor Belastung: 82 % der Menschen haben Sorge, ihren Angehörigen zur Last zu fallen.
- Sozialer Rückzug: Aus Angst vor Unverständnis oder „höflichem Desinteresse“ ziehen sich Erkrankte oft aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.
- Persönlichkeitsveränderungen: Die Sorge vor dem „Verlust des Ichs“ ist eine der größten psychischen Barrieren für Betroffene und Umfeld.

Österreich auf dem Weg zur Demenzfreundlichkeit – Demenz neu denken
Initiativen wie die Nationale Demenzstrategie oder die Plattform „Demenzfreundliches Wien“ zeigen, wie Vernetzung gelingen kann. Ziel ist es, in ganz Österreich „Lebensorte“ zu schaffen, an denen Menschen mit Demenz teilhaben können, ohne bewertet zu werden.
Was jetzt geschehen muss:
- Bewusstseinsbildung: Entstigmatisierung durch Information und öffentliche Sichtbarkeit.
- Schulung für Angehörige: Vermittlung von Kommunikationskompetenz im Umgang mit Demenz.
- Integrierte Versorgung: Enge Verzahnung von Medizin, Pflege und sozialem Umfeld (zum Beispiel durch regionale Demenz-Koordinator•innen).
Fazit für die Zukunft
Demenz ist keine individuelle Tragödie, sondern eine kollektive Aufgabe. Ein „gutes Leben mit Demenz“ ist möglich, wenn wir als Gesellschaft lernen, Empathie statt Desinteresse zu zeigen und die Versorgungsstrukturen konsequent an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten – egal ob in der Stadt oder im ländlichen Raum.
Möchten Sie mehr über regionale Unterstützungsangebote oder die Ergebnisse der FSW-Studie erfahren?
Besuchen sie die Website des Fonds Soziales Wien oder informieren sie sich über die Nationale Demenzstrategie Österreichs.
Service-Teil für Betroffene und Familien
Checkliste: Erste Anzeichen richtig deuten
Da viele Diagnosen in Österreich oft nur zufällig gestellt werden, hilft diese Orientierungshilfe dabei, den Unterschied zwischen normaler Vergesslichkeit und ersten Symptomen einer Demenz zu erkennen:
- Gedächtnislücken, die den Alltag stören: Werden wichtige Termine oder kurz zuvor aufgenommene Informationen wiederholt vergessen?
- Schwierigkeiten bei Routineaufgaben: Fallen gewohnte Abläufe (zum Beispiel Kochen eines bekannten Rezepts, Bedienen der Waschmaschine) plötzlich schwer?
- Desorientierung: Werden Ort oder Zeit verwechselt? (Orientierungsverlust in bekannter Umgebung).
- Sprachfindungsprobleme: Werden einfache Wörter vergessen oder durch unpassende Begriffe ersetzt?
- Veränderung der Persönlichkeit: Treten untypische Stimmungsschwankungen, Misstrauen oder extreme Reizbarkeit auf?
- Sozialer Rückzug: Verliert die Person das Interesse an Hobbys, sozialen Kontakten oder dem Beruf?
Wichtig: Sollten mehrere dieser Punkte über einen längeren Zeitraum auftreten, ist ein Besuch bei einer spezialisierten Gedächtnisambulanz oder bei Fachärzt•innen für Neurologie/ Psychiatrie ratsam.
Toolbox für pflegende Angehörige: 5 Tipps für den Alltag
Die Studie zeigt, dass sich Angehörige oft organisatorisch und emotional überfordert fühlen. Hier sind praxisnahe Ansätze für eine bessere Kommunikation:
- Validation statt Korrektur: Wenn ein Mensch mit Demenz eine falsche Behauptung aufstellt (zum Beispiel „Ich muss jetzt zur Arbeit“, obwohl er pensioniert ist), korrigieren sie nicht sachlich. Gehen sie stattdessen auf das Gefühl ein: „Du warst immer sehr pflichtbewusst, erzähl mir von deiner Arbeit.“
- Einfache Sprache nutzen: Kurze Sätze, klare Ja/ Nein-Fragen und eine langsame Sprechweise erleichtern das Verständnis massiv.
- Routinen schaffen: Feste Zeiten für Mahlzeiten, Spaziergänge oder kleine Aufgaben geben Sicherheit und reduzieren Angstzustände.
- Selbstfürsorge ernst nehmen: Nutzen sie Angebote wie die Alltagsbegleitung oder Tageszentren. Nur wer selbst Kraft hat, kann langfristig pflegen.
- Rechtliche Vorsorge: Klären sie Themen wie Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung so früh wie möglich, solange die betroffene Person noch aktiv mitentscheiden kann.

Weiterführende Links & Hilfe in Österreich
- Wien: Psychosoziale Dienste (PSD-Wien)
- Österreichweit: Demenzstrategie.at – Informationen des Sozialministeriums.
- Beratung: Die Caritas und das Rote Kreuz bieten in allen Bundesländern spezialisierte Demenz-Servicestellen an.
(Bilder: AdobeStock)



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