Brennend, elektrisierend, unsichtbar: Neuropathische Schmerzen betreffen Millionen Menschen, werden jedoch noch immer oft jahrelang verkannt oder falsch behandelt. Wenn das Nervensystem selbst zur Schmerzquelle wird, stoßen klassische Therapien an ihre Grenzen. Von der innovativen Vagusnervstimulation bis zur Forderung nach flächendeckenden, spezialisierten Schmerzzentren – ein Überblick über den Status quo und die notwendigen Fortschritte der Schmerzmedizin 2026.
Das Phänomen: Warum Nervenschmerz anders ist
Klassische Schmerzen (nozizeptiv) kennen wir alle: Eine Schnittwunde oder eine Prellung signalisiert dem Gehirn eine Gewebeverletzung. Neuropathische Schmerzen hingegen entstehen, wenn die Leitungen selbst – die Nerven – geschädigt oder fehlgesteuert sind.
Die Symptomatik ist charakteristisch, wird aber im klinischen Alltag oft fehlinterpretiert. Betroffene berichten von:
- Einschießenden Blitzen oder elektrisierenden Schlägen.
- Brennenden Dauerschmerzen und Kribbeln (Ameisenlaufen).
- Allodynie: Schmerzhafte Empfindungen bei eigentlich harmlosen Berührungen (zum Beispiel Kleidung auf der Haut).
- Taubheitsgefühlen bei gleichzeitigem Schmerzempfinden.
„Der Schmerz ist real, aber oft unsichtbar“, betont Richard Crevenna, Präsident der ÖSG und Leiter der Universitätsklinik am AKH Wien. Diese Unsichtbarkeit führt häufig zu einer Odyssee durch das Gesundheitssystem.
Die unterschätzte Volkskrankheit: Zahlen und Fakten
Neuropathische Schmerzen sind kein Randphänomen. Schätzungen zufolge leiden 7 bis 10 Prozent der europäischen Bevölkerung an dieser Schmerzform. Besonders dramatisch ist die Situation bei chronischen Grunderkrankungen:
- Diabetes: Bis zu 34 Prozent der Diabetiker entwickeln eine schmerzhafte Polyneuropathie.
- ME/ CFS: In Österreich leiden rund 80.000 Menschen an Myalgischer Enzephalomyelitis, bei der chronische Schmerzen ein Kernsymptom darstellen. Der Rechnungshof kritisierte erst im Januar 2026 die lückenhafte Datenlage und Versorgung dieser Gruppe.
Gefährliche Sackgasse: Warum klassische Schmerzmittel versagen
Ein zentrales Problem der aktuellen Versorgung ist die Fehlmedikation. Rund 57 Prozent der Betroffenen greifen zu klassischen Schmerzmitteln wie NSAR (zum Beispiel Ibuprofen, Diclofenac) oder Paracetamol.
Waltraud Stromer, Vizepräsidentin der ÖSG, warnt deutlich: „NSAR helfen bei neuropathischen Schmerzen nicht, bergen aber erhebliche Risiken.“ Bei Daueranwendung drohen:
- Nierenschäden
- Magen-Darm-Blutungen
- Leberschädigungen
Die Alternative: Leitlinien empfehlen spezifisch wirksame Substanzen wie Antikonvulsiva oder bestimmte Antidepressiva, die direkt auf die neuronale Erregbarkeit wirken. Auch topische Verfahren wie Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster bieten bei lokalisierten Schmerzen eine nebenwirkungsarme Linderung.
Innovation: Aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS)
Ein Hoffnungsträger der modernen Schmerzmedizin ist die aurikuläre Vagusnervstimulation. Diese minimal-invasive Methode nutzt die elektrische Stimulation des Vagusnervs am Ohr, um Schmerzsignale im Gehirn zu modulieren.

Am Klinikum Klagenfurt startet aktuell eine wegweisende Studie unter der Leitung von Rudolf Likar. Untersucht wird die aVNS als Teil einer vierwöchigen multimodalen Schmerztherapie bei chronischen Rückenschmerzen.
„Die Kombination aus robuster Evidenzlage und der Integration in etablierte multimodale Therapiestrukturen ist ein entscheidender Schritt“, so Likar.
Besonders erfreulich für Patientinnen und Patienten: Seit 2025 ist die aVNS für Indikationen wie myofasziale Schmerzen, Migräne und Reizdarmsyndrom im österreichischen LKF-System (Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung) abrechenbar.
Der psychosoziale Faktor: Schmerz als Ganzkörper-Erlebnis
Chronischer Schmerz ist nie rein physisch. Er verfestigt sich als Schmerzgedächtnis im Nervensystem und führt zu einer Abwärtsspirale aus:
- Schlafstörungen und emotionaler Erschöpfung.
- Angst vor Bewegung (Schonverhalten).
- Sozialem Rückzug und Depressionen.
Das Risiko für Suizidgedanken ist bei chronischen Schmerzpatient•innen zwei- bis dreimal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Hier setzt die multimodale Therapie an: Sie verbindet Medizin, Physiotherapie und Psychologie, um nicht nur den Schmerzpegel zu senken, sondern die Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen.
Forderung an die Gesundheitspolitik: Versorgungslücken schließen
Trotz medizinischer Fortschritte hinkt die Infrastruktur hinterher. Zwar gibt es in Wien Fortschritte bei interdisziplinären Schmerzzentren, doch in vielen Bundesländern fehlen strukturierte, kassenfinanzierte Angebote.
Die ÖSG fordert:
- Ein spezialisiertes Schmerzzentrum pro Bundesland.
- Stärkung der Primärversorgung: Bisher haben 1.744 Ärzt•innen in Österreich das ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerztherapie“ erworben. Dieses Wissen muss flächendeckend in die Hausarztpraxen getragen werden.
Fazit für Betroffene
Wenn Schmerz brennt oder elektrisiert, ist Zuwarten die falsche Strategie. Eine frühzeitige Diagnose und der Verzicht auf unwirksame Selbstmedikation sind der Schlüssel, um eine Chronifizierung zu verhindern.

Service-Check: Was Betroffene jetzt wissen müssen
Symptom-Check: Ist mein Schmerz neuropathisch?
Hinterfragen Sie Ihr Schmerzempfinden. Typisch für neuropathische Schmerzen sind folgende Beschreibungen:
- Gefühl
Brennt die Haut, sticht es wie Nadeln oder schießt der Schmerz wie ein Blitz ein? - Berührung
Sind leichte Berührungen (zum Beispiel durch Bettdecke oder Kleidung) bereits schmerzhaft? - Missempfindung
Fühlen sich betroffene Stellen gleichzeitig taub und schmerzhaft an? - Rhythmus
Treten die Schmerzen oft nachts auf oder verstärken sie sich in Ruhephasen?
Die 3 wichtigsten Tipps für den nächsten Arztbesuch
- Schmerztagebuch führen
Notieren Sie nicht nur die Intensität (0–10), sondern vor allem die Qualität des Schmerzes (brennend, kribbelnd, elektrisierend). - Medikation prüfen
Wenn Sie klassische Schmerzmittel (NSAR) einnehmen, fragen Sie nach deren Wirksamkeit. Falls keine Besserung eintritt, sprechen Sie das Thema „spezifische Nervenschmerztherapie“ aktiv an. - Zusatzqualifikation
Fragen Sie Ihren Arzt, ob er das ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerztherapie“ besitzt oder lassen Sie sich an eine spezialisierte Schmerzambulanz überweisen.
Wichtige Anlaufstellen & Ressourcen
| Organisation | Angebot | Link |
| ÖSG | Patienteninfos & Arztsuche | www.oesg.at |
| ME/CFS Hilfe | Unterstützung bei Fatigue & Schmerz | www.mecfs.at |
| Schmerz-Diplom | Verzeichnis spezialisierter Ärzte | www.arztakademie.at |
| ÖGGH | Infos zu viszeralen Schmerzen (Bauch) | www.oeggh.at |
Hinweis: Die neue aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS) ist seit 2025 über das LKF-System in vielen Spitälern abrechenbar. Fragen Sie gezielt in Ihrer Schmerzambulanz nach dieser Option, falls herkömmliche Therapien nicht ausreichen.
(Bilder: AdobeStock (2x), ÖSG/ APA-Fotoservice/ Schedl)








![Demenz: Es braucht [viel] mehr leistbare Unterstützungsangebote! Grafik: der Umriss eines Kopfes mit quadratischen Holzteilen, von denen einige nach hinten "wegfliegen". (c) AdobStock](https://www.alterneudenken.com/wp-content/uploads/2025/09/demenz-angebote-home-450x253.jpg)






















![Zukunftsvisionen: Vielfältige Einsatzgebiete von Künstlicher Intelligenz [KI] in den kommenden Jahren Ein menschlich anmutender Roboter, der ein großes virtuelles Touchpad bedient. (c) AdobeStock](https://www.alterneudenken.com/wp-content/uploads/2024/09/ki-zukunft_home-450x253.jpg)



















