„Du bist heute echt anstrengend AF.“ Wer bei diesem Satz erst einmal diskret unter dem Tisch das Smartphone zückt, um die Bedeutung von „AF“ zu googeln, gehört offiziell zum Team „Ausrangiert“. Kleiner Spoiler für die ganz Unwissenden: Es steht für as fuck und dient der extremen Steigerung von so ziemlich allem.
Falls Sie jetzt innerlich kurz zusammenzucken oder den Zeigefinger heben wollen: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind vermutlich weit über 20 und haben damit den natürlichen Anschluss an die vorderste Front der linguistischen Evolution verloren. Auch wenn es so manche bei der aktuellen Jugendsprache schaudert und viele diesen »Ghetto-Slang« als kompletten Sprachverfall empfinden, so gehört es doch irgendwie dazu zum Erwachsenwerden.
Was früher „dufte“, „knorke“ oder später „cool“ und „geil“ war, ist heute eben „lit“, „slay“ oder „wild“. Doch während die Generation „Silberrücken“ bei Begriffen wie „sheesh“ oder „digga“ oft den Untergang des Abendlandes wittert, zeigt ein genauerer Blick: Das, was wir als Kauderwelsch abtun, ist in Wahrheit ein hochkomplexes soziales Werkzeug. Oder anders gesagt: es war schon immer so, dass Jugendliche anders reden als Erwachsene. Das einzig Beruhigende an der Sache: sogar die jüngeren Millennials haben inzwischen Schwierigkeiten mit den »kreativen Wortschöpfungen« der jüngsten Generation ;)
»cringe«, »lost« und »I bims«
Der Impuls, die Sprache der Jugend als „Ghetto-Slang“ oder Sprachverfall zu diffamieren, ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon in den 1960er-Jahren rollten Eltern mit den Augen, wenn ihr Nachwuchs vom „Feuerstuhl“ (Motorrad) sprach, den „Schuppen“ (Kino) unsicher machte oder jemanden als „halbes Hemd“ titulierte. Damals wie heute galt: Wer die Codes nicht knackt, bleibt draußen.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist diese Skepsis jedoch unbegründet. Jugendsprache ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz, sondern zeugt von einer enormen kommunikativen Kompetenz. Jugendliche sind die Innovationsmotoren der Linguistik. Sie brechen Regeln nicht aus Unkenntnis, sondern aus purer Lust am Experiment und – was noch viel wichtiger ist – zur sozialen Abgrenzung. Man will schließlich nicht so klingen wie die Leute, die beige Funktionsjacken tragen und über die Nebenkostenabrechnung diskutieren.

Identität durch Abgrenzung: Warum „Brate“ mehr als nur ein Wort ist
Sprache ist der schnellste Weg, um zu zeigen: Ich gehöre dazu – und du nicht. Wenn ein Jugendlicher im Streit mit seinen Erzeugern plötzlich in einen jugendsprachlichen Jargon verfällt, ist das oft ein unbewusster Schutzmechanismus. Er beschwört damit seine Peergroup herbei, um sich von der starren Autorität der Erwachsenen zu distanzieren.
Besonders kontrovers diskutiert wird oft der sogenannte „Kiezdeutsch“-Einfluss, oft abfällig als Balkan-Slang bezeichnet. Sätze wie „Lass Bahnhof chillen“ oder die Nutzung von Begriffen wie „Wallah“ (arabisch für: bei Gott) oder „Brate“ (slawisch für: Bruder) lösen bei vielen selbsternannten Sprachschützern Schnappatmung aus. Doch Studien geben Entwarnung: Wer „Gemma Lugner?“ sagt, weiß in den meisten Fällen ganz genau, dass es im Deutschaufsatz „Gehen wir zum Einkaufszentrum?“ heißen müsste.
Es handelt sich um einen bewussten Stil, der Identität stiftet. Interessanterweise akzeptiert unsere Gesellschaft englische Lehnwörter wie „cool“ oder „nice“ weitaus eher als Begriffe aus dem arabischen oder türkischen Raum. Das sagt am Ende oft mehr über unsere eigenen gesellschaftlichen Vorurteile aus als über die tatsächliche Sprachqualität der Generation Z.
Die Angst vor dem Verfall: Zwei Mythen im Realitätscheck
Die Kritik an der Jugendsprache speist sich meist aus zwei großen Ängsten, die bei genauerer Betrachtung in sich zusammenbrechen:
„Die schöne deutsche Sprache wird zerstört.“ Sprache war noch nie ein statisches Denkmal, sondern ein lebender Organismus. Die meisten Jugendwörter sind Eintagsfliegen – sie kommen, nerven ein Jahr lang die gesamte Nachbarschaft und verschwinden wieder in der Versenkung (erinnert sich noch jemand an „I bims“? Eben.). Doch einige schaffen den Sprung in den allgemeinen Wortschatz. Wörter wie „Tschüss“, „kiffen“ oder „Info“ waren ursprünglich purer Slang, den die damaligen Erwachsenen verabscheuten. Heute benutzt sie jeder Professor, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Die Jugend verlernt das richtige Deutsch.“ Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Jugendlichen beherrschen das sogenannte „Code-Switching“. Sie wissen instinktiv, dass sie mit ihrem Zahnarzt anders reden müssen als mit dem besten Freund auf dem Pausenhof. Wir alle nutzen diese kommunikativen Muster. Niemand schreibt eine E-Mail an den Chef im selben Tonfall, in dem er eine Nachricht in die Familiengruppe tippt. Jugendsprache ist lediglich ein zusätzliches Register in der persönlichen Orgel der Kommunikation.
Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit (und weniger Peinlichkeit)
Statt Jugendsprache als Defizit zu betrachten, sollten wir sie als das sehen, was sie ist: ein kreatives Spiel mit Symbolen. Wenn Jugendliche ihre Welt als „cringe“ (fremdschäm-würdig) bezeichnen oder sich als „lost“ (planlos) fühlen, nutzen sie präzise Begriffe für komplexe Gefühlswelten, für die das Standarddeutsche oft keine so treffenden, kurzen Ausdrücke parat hat.
Was können wir als Erwachsene also tun? Zuhören, ohne sofort den Rotstift anzusetzen. Verständnis zeigen, ohne sich peinlich anzubiedern. Denn nichts ist „cringer“ als ein 50-Jähriger, der krampfhaft versucht, das Wort „lit“ in seinen Alltag einzubauen. Wer mit Jugendlichen arbeitet oder sie zu Hause hat, sollte die Chance nutzen, sich diese fremde Welt erklären zu lassen.
Denn am Ende des Tages geht es nicht um Grammatik, sondern um Verbindung. Und wer weiß, vielleicht sind wir ja alle ein bisschen „lost“, wenn wir versuchen, die Welt von morgen mit den verstaubten Regeln von vorgestern zu erklären.
Alles klar, Bre? ;)

Das ultimative „Überlebens-Glossar“: Von A wie Aura bis Z wie Zesty
Na gut, bringen wir das Ganze zu Ende. Hier ist das vervollständigte Glossar – inklusive der „Klassiker“ vom Anfang, den Neuzugängen und den versprochenen Beispielsätzen, die so deplatziert sind, dass sie jedem Teenager die Schamesröte ins Gesicht treiben werden.
Verwenden Sie diese Sätze auf eigene Gefahr. Für bleibende psychische Schäden bei Ihren Mitmenschen übernehme ich keine Haftung.
Das ultimative „Überlebens-Glossar“ (V2.0)
AF (As Fuck): Die ultimative Steigerung. Alles, was über das normale Maß hinausgeht.
Beispielsatz: „Der Elternabend gestern war wieder langatmig AF, ich hätte fast in meine Bio-Limo gebissen.“
Aura: Das unsichtbare Punktekonto deiner Coolness.
Beispielsatz: „Wenn du vor den Kollegen über dein Ladekabel stolperst, verlierst du locker -5000 Aura-Punkte.“
Bodenlos: Wenn etwas so schlecht oder dreist ist, dass es kein Fundament mehr hat.
Beispielsatz: „Dass die Kantine heute wieder nur verkochten Rosenkohl hat, ist absolut bodenlos.“
Cringe: Das Gefühl, wenn man sich für andere so sehr schämt, dass es körperlich wehtut.
Beispielsatz: „Papa, wenn du versuchst zu rappen, ist das der Endgegner in Sachen Cringe.“
Delulu: Wenn man die Realität nur noch vom Hörensagen kennt.
Beispielsatz: „Er glaubt echt, er bekommt die Beförderung, ohne jemals pünktlich zu erscheinen? Komplett delulu, der Typ.“
Digga / Diggi: Die universelle Anrede für alles, was atmet (und manchmal auch für Gegenstände).
Beispielsatz: „Digga, hast du gerade ernsthaft meine letzte Pizza gegessen? Dein Ernst?“
Goat (Greatest Of All Time): Die höchste Form der Anerkennung. Die Lichtgestalt.
Beispielsatz: „Diese neue Kaffeemaschine im Büro ist der wahre Goat, der Espresso rettet Leben.“
Lost: Wenn man im eigenen Leben keinen Kompass mehr findet.
Beispielsatz: „Ich stehe seit zehn Minuten vor dem Kopierer und weiß nicht mal mehr, warum ich hier bin. Ich bin so lost.“
Macher: Jemand, der liefert, statt nur zu labern.
Beispielsatz: „Du hast die Steuererklärung an einem Sonntag fertig gemacht? Was für ein Macher!“
NPC (Non-Playable Character): Statisten im eigenen Film. Leute ohne eigenen Antrieb.
Beispielsatz: „Guck dir die Leute in der U-Bahn an, wie sie alle gleichzeitig auf ihr Handy starren – totale NPC-Vibes.“
Rizz: Charisma, vor allem beim Flirten. Wer Rizz hat, gewinnt.
Beispielsatz: „Guck dir den neuen Praktikanten an, wie er die Chefetage einwickelt. Der Junge hat unnormalen Rizz.“
Sheesh: Ausdruck des extremen Erstaunens (oder blanken Entsetzens).
Beispielsatz: „Sheesh, hast du die Rechnung von der Autowerkstatt gesehen? Da kann ich ja gleich privatinsolvent gehen.“
Slay: Wenn jemand optisch oder leistungstechnisch alles rasiert.
Beispielsatz: „Deine neue Brille? Slay, absolut on fleek, meine Liebe.“
Sus (Suspicious): Wenn etwas so faul riecht, dass selbst der Fischhändler misstrauisch wird.
Beispielsatz: „Dass der Chef uns heute alle zum Pizzaessen einlädt, ist extrem sus. Da kommt sicher noch eine schlechte Nachricht.“
Vibe Check: Die schnelle Prüfung der atmosphärischen Störung.
Beispielsatz: „Wir machen jetzt mal einen kurzen Vibe Check im Team-Meeting: Warum gucken hier alle so, als hätten sie Zitrone gefrühstückt?“
Wild / Wyld: Wenn eine Situation komplett eskaliert oder einfach nur heftig ist.
Beispielsatz: „Wir waren gestern noch drei Stunden in der Bar? Wild, ich dachte, wir wollten nur auf ein Bier gehen.“
(Bilder: AdobeStock)
Zuletzt aktualisiert am 27. März 2026 (Original vom 05. August 2022)

